16. September 2017

Keiner wie Heiner – ein Nachruf

Warum schreibt ein JU’ler einen Nachruf auf Heiner Geißler? 1993 geboren habe ich viele der politischen Meilensteine Heiner Geißlers nicht miterlebt. Ich will hier auch nicht viel darüber schreiben, aber ich will darüber schreiben, warum die Treffen mit ihm für mich persönliche politische Meilensteine waren.

Heiner Geißler war immer unbequem. Er hat provoziert. Auf einem Parteitag 1979 unter seiner Ägide als Generalsekretär der CDU trat beim „Europa“-Abend ein neunköpfiges Ballett auf – oben ohne. Ein Eklat. Jedoch war genau die Frauenpolitik das, was Heiner Geißler lange Jahre beschäftigt hat. Die „Emma“ titelte über ihn: „So wie Heiner kann das keiner“ und auch ich machte diese Erfahrung schon früh in meiner JU-Zeit. Als Landesvorsitzender der Schüler Union bin ich damals beinahe im Dreieck gehüpft, als Heiner Geißler uns zugesagt hatte, bei unserem Landestag mit dem Thema Volljährigkeit zu reden. Dort saßen dann an einem Herbstwochenende 2012 40 junge Menschen und Heiner Geißler kam. Er hat zu allem geredet – außer zur Volljährigkeit – und er hat in fast allen Punkten den Widerspruch des Saales provoziert. Er verteidigte die Frauenquote, er sprach über Umweltschutz und Globalisierungskritik und vor allem sprach er nicht nur, sondern er diskutierte. Nach seinem Impuls zur Frauenquote hat er sich all den Erwiderungen der Jugendlichen im Raum gestellt, die sich ihre Zukunft nicht durch Quoten bestimmen lassen wollten. Er hatte Spaß daran. Während wir zum Teil empört waren, was wir gerade gehört hatten, hat Heiner Geißler vielleicht den wichtigsten Beitrag zu diesem Landestag geleistet. Er hat uns angestachelt.

Eine weitere Begegnung folgte auf dem Bezirkstag der JU Rheinhessen-Pfalz 2014. Eine Podiumsdiskussion zu moderieren, kann viel Spaß machen. Eine Podiumsdiskussion zwischen unserem Bundesvorsitzenden Paul und dem CDU-Urgestein Heiner Geißler zu moderieren, ist großartig. Auch bei dieser Veranstaltung hatte Geißler fast den ganzen Saal gegen sich, aber er ließ sich nicht beirren. In der wetterfesten Jacke saß er dort, diskutierte und provozierte. Die JU’ler beklatschten ihren Bundesvorsitzenden. In der offenen Fragerunde kamen fast nur kritische Nachfragen an Heiner Geißler. Irgendwann war die wie ich finde spannendste Podiumsdiskussion meiner JU-Geschichte vorbei. Zwischendrin fragte ich mich vorne auf dem Podium: “Warum tut er sich das an? Er eckt doch nur an”, aber dieser Gedanke beschäftigte mich nur kurz, denn hinterher waren alle zufrieden und ich hatte das Gefühl: vor allem Heiner Geißler selbst.

Wenn ich alte Bundestagsdebatten mit Heiner Geißler sehe, dann weiß ich auch warum: Er war jemand, für den der politische Diskurs nicht nur schnödes Beiwerk zur Regierungsarbeit war. Heiner Geißler hat die Debatte geliebt. Er wollte Denkanstöße geben und er wollte Widerspruch hören. Unvergessen bleiben wird die legendäre Bundestagsdebatte um das Misstrauensvotum gegen Helmut Schmidt 1982, indem Geißler in einer engagierten Rede – frei vorgetragen – den Vorwurf eines „unmoralischen“ und „unchristlichen“ Handels wutentbrannt mit dem Satz: „Das ist ein Anschlag auf die Verfassung!“ entgegentrat.

Für mich und viele andere JU’ler bleibt aber vor allem der Heiner Geißler unvergessen, der zu uns kam. Der immer kam, wenn er konnte. Der immer kommen wollte. Der es liebte, mit jungen Menschen zu diskutieren und sie zu motivieren, wenn aktuelle Spitzenpolitiker fern blieben. Er wird damit fehlen, denn was das angeht ist „keiner wie Heiner“. Danke, Heiner Geißler!

 

(Marc Philipp Janson)