21. Mai 2015

BLACK.blog-Standpunkt: Politik muss nachhaltige Konzepte für übermäßigen Konsum von Energydrinks entwickeln

Unsere Sprecherin für Landwirtschaft, Ernährung, Verbraucherschutz & Umwelt, Kristina Brixius, fordert in ihrem Blogeintrag von der Politik die Gestaltung nachhaltiger Lösungen beim Umgang mit Energydrinks.


„Jugendlicher stirbt an einer Überdosis Koffein aus Energydrinks“ – Meldungen über mehrere ungeklärte Todesfälle in den USA, die möglicherweise in Zusammenhang mit der Aufnahme von Energydrinks stehen, lassen aufhorchen. Noch ist überhaupt nichts bewiesen, aber es gibt Indikationen über einen Zusammenhang…

Koffeinhaltige Modegetränke erobern den Markt

In Deutschland erfreuen sich Energydrinks vor allem bei Jugendlichen einer immer größeren Beliebtheit. Und nicht nur bei ihnen, denn entgegen entsprechender Warnhinweise auf den Verpackungen greifen immer häufiger auch Kinder zu Energydrinks. Das einst olympische Motto „Höher, schneller, weiter“, welches einer der größten Energydrink-Hersteller für sein Marketing­ instrumentalisiert hat, kommt an. Ob beim Strato­sphären­sprung aus 39 000 Metern Höhe, in der Formel 1, überall prangt das Logo des österrei­chischen Getränke­herstel­lers. Der Marktführer verkaufte im vergangenen Jahr weltweit 5,2 Milliarden Dosen. Das Konzept: leistungs- und konzentrationsfördernde Wirkung. Ein Versprechen, das sich scheinbar lohnt, denn kein anderes alkoholfreies Getränk weist solche Umsatzsprünge auf wie Energydrinks. Frei nach dem Motto „gefragt ist, was ankommt“ kommen immer mehr koffeinhaltige Modegetränke auf den Markt. In erster Linie sind junge Erwachsene und Jugendliche die Adressaten der coolen Drinks. Die Modegetränke werden immer häufiger in Diskotheken angeboten und erfahren in sämtlichen Variationen, ob als Longdrink oder Mixgetränk, große Beliebtheit.

Erst die Korrelation von konsumierter Menge und Konsumverhalten sind bedenklich

Dies zeigen auch die Absatzzahlen, denn rein statistisch trinkt jede/r Deutsche in etwa drei Liter pro Jahr. (Zum Vergleich: der Umsatz im Heimatland des europäischen Ur-Energydrinks in Österreich ist fast viermal so hoch.) Die Menge alleine ist noch kein Problem, denn 3 Liter im Jahr bedeutet auf 365 Tage verteilt weniger als 10ml täglich, was bei einer durchschnittlichen Menge von 320mg Koffein pro Liter, gerade einmal einer Menge von 0,4mg Koffein entspricht.

Aber da fängt es ja schon an. Wieviel sind 0,4mg Koffein? Welchen Vergleich kann ich anstellen, um diese Menge bewerten und einordnen zu können. Ein erster Vergleich lässt das Volksgetränk Kaffee zu: eine Tasse Kaffee (150ml) enthält in etwa 40-120mg Koffein. Also sind die 0,4mg sogar weniger als ein Schluck Kaffee. Allerdings ist diese Mittelwertberechnung nicht sinnvoll, denn wichtig ist die konsumierte Menge mit den Konsumverhalten zu korrelieren. Laut der EU-Lebensmittelsicherheitsbehörde (EFSA) konsumiert fast jeder dritte Erwachsene Energydrinks, besonders beliebt sind sie bei Kindern und Jugendlichen: 68 Prozent der Teenager greifen zu den Getränken. Davon sind 12 Prozent „high cronic consumers“ (Konsum mindestens viermal wöchentlich) sowie 12 Prozent „high acute consumers“ (mehr als ein Liter je „Single Session“).

Erhöhter Konsum kann zahlreiche Nebenwirkungen haben

Das heißt bei einem Liter Energydrink werden rund 320mg Koffein konsumiert und damit nehmen „high acute consumers“ innerhalb kürzester Zeit mehr als 4 Tassen Kaffee zu sich. Eine Menge, die vor allem für Kinder und Jugendliche als bedenklich gilt, denn Studien zufolge sollten sowohl Erwachsene als auch Minderjährige eine Dosis von drei Milligramm Koffein pro Kilo Körpergewicht am Tag nicht überschreiten – andernfalls drohen Nebenwirkungen wie Herz-Rhythmus-Störungen, Krampfanfälle oder Nierenversagen. Ein nicht zu unterschätzender Effekt; das Koffein “maskiert” die Wirkung von Alkohol. In Studien wurde beobachtet, dass das Gefühl der Trunkenheit deutlich verringert ist, Müdigkeit und Erschöpfung nicht richtig wahrgenommen werden.

Wegen dieser starken Gesundheitsgefährdung bei erhöhtem Konsum, werden immer mehr Forderungen laut. Die Bandbreite reicht von einem verpflichtenden Warnhinweise in auffälliger Größe und Farbe auf die Schauseite der Verpackung über eine Altersbeschränkung ab 18 Jahre für Energydrinks (Schnitt 32mg/100ml) bis hin zu einem Verbot für Energyshots (133mg/100ml).

Politik sollte nachhaltige Konzepte entwickeln

Rein rechtlich fallen Energydrinks unter die europäische Fruchtsaft- und Erfrischungsgetränkeverordnung, welche im Mai 2012 noch Erneuerungen erfuhr. Sie besagt, dass Getränke, welche unter diese Kategorie fallen, eine Höchstgrenze von 320mg/l nicht überschreiten dürfen. Ein Verbot wäre folglich nicht mit der europäischen Richtlinie zu vereinen. Denn der vereinzelte Konsum eines Energydrinks zeigt überdies keinerlei schädliche Wirkung.

Die Politik sollte deshalb unbedingt nachhaltige Konzepte entwickeln, welche sich mit der Problematik des übermäßigen Konsums auseinandersetzen. Dazu gehören neben des in 2014 eingeführten Warnhinweises „Erhöhter Koffeingehalt. Für Kinder und Schwangere oder stillende Frauen nicht empfohlen“ weitere Maßnahmen. Auch das Bundesinstitut für Risikobewertung BfR hält erweiterte Warnhinweise, die auch die Konsequenzen ansprechen, die durch die Kombination von Energydrink und Sport sowie Energydrink und Alkohol thematisiert, für unumgänglich.

Werbung für den maßvollen Konsum

Konkret könnten zwei sinnvolle Maßnahmen ergriffen werden:

Ähnlich wie die Kampagne der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) „Kenn dein Limit“, bei dem über die Folgen von erhöhtem Alkoholkonsum aufgeklärt wird, sollte die BzgA für den moderaten Konsum von Energydrinks werben und insbesondere auch auf die Gefahren, die durch die Kombination mit Alkohol entstehen hinweisen. Dies könnte als eine Art Spin-off verwendet werden, und die Zielgruppe der Jugendlichen sowie jungen Erwachsenen ansprechen. Erste Versuche wurden schon 2010 unternommen, jedoch versandete die Kampagne und Gefahren des übermäßigen puren Konsums von Energydrinks wurden wiederum nicht thematisiert.

Schaffung eines verständlichen Äquivalents

Eine zweite sinnvolle Maßnahme könnte eine verbesserte Kennzeichnung des Getränks auf der Vorderseite sein. Die reine Angaben „Erhöhter Koffeingehalt in mg/ml mit Angabe der täglichen Verzehrsdosis“ ist, wie das obere Rechenbeispiel gezeigt hat, sehr schwierig, da der absolute Vergleich fehlt und die Maximalmengen stets pro Körpergewicht gelten, welches bei Kindern und Jugendlichen eine große Bandbreite aufweist. Die Konsumenten können die Menge und deren Konsequenzen nicht einschätzen. Ein absoluter Vergleich könnte dabei hilfreich sein. Als Vergleichsgröße könnte beispielsweise die Menge Koffein einer durchschnittlichen Tasse Kaffee dienen. So könnte neben den relativen Mengen in mg/ml noch ein absoluter Vergleich in Kaffeetassen gezogen werden. Beispielsweise bei einem halben Liter Energydrink die verpflichtende Angabe „der Inhalt dieser Flasche entspricht 2 durchschnittlichen Tassen Kaffee“. Bei Testkäufen wurden zwei Mädchen im Alter von 10 Jahren in einen Supermarkt entsandt, um Energydrinks zu erwerben. Sie haben es ohne Probleme geschafft 2 Liter des Getränks zu erstehen. Die Kinder sollten anschließend in einem Café einen doppelten Espresso bestellen, der ihnen jedoch verwehrt wurde. Die Begründung: „Die Kinder sind noch zu jung für Kaffee.“ Dieses Beispiel zeigt: Obwohl es keine Altersbegrenzung für Kaffee gibt, hält der Kellner die Konsumenten für zu jung. Im Supermarkt hingegen fehlt diese Sensibilisierung. Die Verkäufer können nicht wissen, welche Mengen Koffein sich hinter den 2 Litern Energydrink verbirgt und welchem Äquivalent dies entspricht, weil ihnen die Skala und die intensive Auseinandersetzung mit der Thematik fehlen.

Das Ziel sollte folglich sein nachhaltige Lösung zu gestalten und insbesondere an der Kommunikation der komplexen Zusammenhänge zu arbeiten. Mit dem Äquivalent „Inhalt entspricht x durchschnittlichen Kaffeetassen“ sowie einer Aufklärungskampagne, die vor den gesundheitlichen Schäden durch übermäßigen Konsum warnen, könnte eine erste Sensibilisierung erfolgen. Die Spekulationen um die Todesfälle, die sich rund um den Konsum von Energydrinks ranken, müssen von anderen Stellen geklärt werden, die Politik kann jedoch helfen und sich für einen maßvollen Konsum von koffeinhaltigen Produkten einsetzen.