12. April 2015

BLACK.blog-Standpunkt: Meinung ein Gesicht geben – für eine offene Diskussionskultur in sozialen Netzwerken

Ein Standpunkt von Marc Philipp Janson aus Mainz. Aktuell studiert er Psychologie, ist stellvertretender Vorsitzender der Jungen Union in Mainz und Mitglied des Deutschlandrats.



„Pissköpfe“ – „Nazikollaborateur“ – „widerliches Pack“: Diese und andere Beschimpfungen prasseln derzeit auf der Facebook-Seite der JU Mainz und in persönlichen Nachrichten an den Kreisvorsitzenden der JU Mainz, Felix Leidecker, nieder – oftmals ohne dass der Absender identifizierbar ist. Anhand dieses prototypischen Falles möchte ich mich einem Phänomen nähern, dass uns politisch aktiven in irgendeiner Form allen schon begegnet ist.

Von der Provinzposse zum Shitstorm

In Mainz eskaliert ein derzeit von außen betrachtet grotesker Streit. Gestritten wird dabei schon lange nicht mehr nur um das Logo des Dachdecker-Betriebes Neger, das eine Gruppierung von Aktivisten für rassistisch erachtet, sondern vielmehr darüber, wie darüber diskutiert werden darf. Beginnend mit einer Provinzposse entsteht nun mehr und mehr eine Diskussion darüber, wie wir politische und gesellschaftliche Diskussionen auch in sozialen Netzwerken führen können. Ausgangspunkt ist die Frage, ob das Firmenlogo des Mainzer Traditionsbetriebes Neger rassistisch ist. Die Debatte ist mittlerweile über Mainz hinaus gewachsen und neben diversen nationalen Medien berichtete sogar die Washington Post über die Diskussion! Wie ist es aber so weit gekommen?

Für viele eskalierte der Streit als Felix Leidecker, unser JU Kreisvorsitzender, den Namen und die Redaktionsadresse des Verantwortlichen veröffentlichte, dessen Plattform hauptsächlich zum Protest gegen das Neger-Logo aufrief.

Ist es zulässig diese Daten zu veröffentlichen? Warum nicht? Was unterscheidet das FICKOMagazin („für gute und gegen schlechte Sachen“) vom SPIEGEL? Dessen Redaktionsanschrift ist ebenfalls für jeden einsehbar. Dass dies gut ist und auch so sein muss, ist bei uns sogar gesetzlich vorgeschrieben. Die Impressumspflicht und das Telemediengesetz (das jeden Websitenhalter zu einem Impressum verpflichtet) sind wichtig, da sie die Grundlage für jede meinungsbildende Diskussion liefern.

Diskussionen finden zwischen Personen unterschiedlicher Meinungen statt. Meinungen sind subjektiv – sie sind personenbezogen. Das bedeutet aber auch, dass es keine Meinung ohne dahinter stehende Person geben kann. Dieser einfache Grundsatz muss auch für das Internet gelten. Warum das wichtig ist, darauf will ich näher eingehen:

Der Shitstorm und die Internetsturmhaube – eine verhaltenswissenschaftliche Betrachtung

Häufig erleben wir in sozialen Netzwerken s.g. „Shitstorms“. Diese Internet-Phänomene sind oftmals geprägt von einer Vielzahl von wüstesten Beschimpfungen, die hinter aufgezogenen „Internetsturmhaube“ abgelassen werden. Während in der Realität oftmals Straftaten mittels Sturmhaube verschleiert werden sollen (ich verweise hier gerne auf die gewalttätigen Ausschreitungen rechts- und linksextremer Gruppierungen), wird im Internet häufig nur unter Pseudonymen gehetzt.

Daraus ergibt sich auch eine spannende Frage: Was war zuerst da? Die Sturmhaube oder die Hetze?

Hier wage ich eine These: Erst die Anonymität (oder das Gefühl von dieser) setzt das Shitstorm-Potential frei. Hinter der Maske des Pseudonyms lässt es sich leicht auf andere einschlagen. Jegliche Verantwortung diffundiert. Dass dies keine reine Vermutung meinerseits ist, legen eine Vielzahl von Untersuchungsergebnissen nahe. Anonymität führt zu Deindividuierung und verringert die Selbstaufmerksamkeit und die wahrgenommene Verantwortung. Die Bereitschaft zur Gewalttätigkeit und die Aggression steigt. Das wohl berühmteste Beispiel dürfte das „Stanford-Prison-Experiment“ von Philip Zimbardo sein, bei dem eine Gruppe von Studenten durch Deindividualisierung dazu gebracht wurde, dass sie ihre Kommilitonen misshandelt hätten. Dieses Experiment zeigt, wie gefährlich Anonymität sein kann.

Ein weiterer wichtiger Punkt sollte nicht außer Acht gelassen werden. Schriftliche Bekundungen, die wir im Namen unserer Person tätigen haben für uns eine große Bedeutung. Nichts hat mehr bindende Kraft als die eigene Unterschrift. Das schriftliche öffentliche „Commitment“ (Bekenntnis) verpflichtet uns. Das gilt nicht nur für den Kaufvertrag für die Waschmaschine, sondern auch für unsere Meinung. Nach dem Koreakrieg kamen viele Amerikaner mit einer antiamerikanischen Haltung aus kommunistischer Kriegsgefangenschaft zurück. Ein Grund dafür dürfte gewesen sein, dass in den Gefangenenlagern Schreibwettbewerbe veranstalteten, bei denen meist der antiamerikanischste Beitrag gewann. Auch in der Heimat fühlten sich die Soldaten ihren Aussagen gegenüber verpflichtet. Spätere wissenschaftliche Untersuchungen (vor allem von Leon Festinger) konnten zeigen, dass unsere eigenen Aussagen eine ungemeine normative Kraft auf uns auswirken.

Sturmhauben abziehen – Für die eigene Meinung einstehen

Wie bequem erscheint einem da die Internetsturmhaube, unter der es sich wahrlich wunderbar politisieren lässt, und falls man keine Lust mehr hat, klappt man den Laptop zu und erhebt sich von der Couch. Verantwortung? Relevanz des gesagten für das eigene Handeln? Fehlanzeige! Während man sich bei McDonalds Cheeseburger bestellt, sagt man via iPhone als „CapitalismKills783“ mal schnell den Großkonzernen auf Twitter oder Facebook den Kampf an. Was hier fehlt ist jedoch das eigene Commitment.

Vielleicht ist es das, was gewisse Aktivisten empört hat, als Felix der Person hinter dem Ficko-Magazin die Internetsturmhaube abgezogen hat. Die Erkenntnis, dass sie nicht per se anonym sind, dass die Möglichkeit der Entlarvung besteht. Ja, vermutlich ist es die Angst, doch für die eigenen Aussagen einstehen zu müssen oder schlimmer noch: nach ihnen leben zu müssen. Aber genau das ist es, was wir im öffentlichen Disput brauchen. Personen, die für ihre Meinung einstehen, ihr Commitment geben und auch bereit sind die Konsequenzen dafür zu tragen.

Damit meine ich nicht, dass ich möchte, dass Personen Gewalt angedroht wird. Das verurteile ich. Hier müssen wir als Demokraten zusammenstehen. Es ist leider ein trauriger Fakt, dass Personen, die sich trauen für eine Sache einzutreten, angefeindet werden. Aber Anonymität ist keine Alternative.

Konsequenzen zu tragen, das heißt für mich, sich an den eigenen Ansprüchen messen zu lassen. In Mainz sind in der Diskussion um das Logo Sticker aufgetaucht, auf denen Thomas Neger abgebildet ist unter dem Slogan „Rassismus ein Gesicht geben“ – natürlich ohne dass ersichtlich ist, wer für diese Sticker verantwortlich ist.

Die Vermutung liegt nahe, dass diese Sticker aus demselben Umfeld kommen, das Felix und die Junge Union für die Veröffentlichung der Redaktionsadresse kritisiert. Es ist schon bigott auf der einen Seite einen Mainzer Familienunternehmer an den Pranger zu stellen und für sich selbst Anonymität zu beanspruchen.

Es wäre schön, wenn diese Aktivisten zunächst einmal ihrer „Meinung ein Gesicht geben“ würden.

Auch wenn wir wahrscheinlich nicht darauf hoffen dürfen, dass wir in Zukunft vom Internetsturmhauben-Block verschont bleiben, wir als Junge Union werden weiterhin unsere Meinung vertreten – laut, konsequent, offen! Und das sollten wir auch von anderen erwarten!