19. Januar 2015

BLACK.blog-Standpunkt: Hommage à la Nation française

Max Gerhold ist Mitglied im Kreisvorstand der Jungen Union Germersheim. Er bloggt zu ‪#‎JeSuisCharlie‬.

 


Freundschaft heißt für den anderen da zu sein in schwierigen Zeiten, das gilt in persönlichen Freundschaften, gerade aber auch in politischen. Und deshalb stehen wir Europäer in diesen Tagen an der Seite der Französischen Republik, die am Mittwoch dem 7. Januar zur Zielscheibe des Terrorismus wurde, als

„Contre nous de la tyrannie, L’étendard sanglant est levé“
(dt. gegen uns die Tyrannei das blutige Banner erhob)

wie es in der Marseillaise, der Hymne Frankreichs heißt, die heute auf dem ganzen Kontinent zur Hymne der freien Welt wurde.
Zwei Tage später haben die Eliteeinheiten GIGN und RAID parallel die beiden Geiselnahmen in Porte de Vincennes und Dammartin gegen 17.00 Uhr beendet, beim Zugriff selbst wird niemand mehr getötet. 20 Tote, darunter die drei Urheber der Angriffe auf Charlie Hebdo, auf eine Polizistin in Montrouge und auf einen jüdischen Supermarkt in Paris. Der Blick darf nicht nur auf den toten Journalisten liegen, wir sind nicht nur Charlie, sondern auch flic und juif, gerade letzterer Ruf muss (!) diese Tage überstehen.
In der Oberstufe las ich im bilingualen Französisch Unterricht Voltaires Werk Candide. Eine satirische Novelle, in denen Voltaire sich mit allen drei großen monotheistischen Religionen „befasst“ – vom Großinquisitor, über einen Juden, jesuitische Priester, bis hin zu den „Türken“. Jeder bekommt was ab. Schon damals, in der Zeit der lumières, der Aufklärung galt: Begrenzung von Meinungsfreiheit ist ein Markenzeichen autoritärer Regime. Im 21. Jahrhundert kann eine Demokratie, gerade eine laizistische wie die französische, es nicht tolerieren, wenn dieses hohe Gut angegriffen wird. Nichts, kein verletztes Gefühl, wird so etwas rechtfertigen können. Auch dafür steht wohl stellvertretend der Satz „Je suis Charlie“. Es ist die politische, grundrechtliche Dimension dieser menschlichen Tragödie.

Dem sonst schwach wirkenden Präsidenten Hollande gelingt es in diesen schwierigen Tagen, ungeachtet seiner sonst glücklosen Politik, die Nation zu einen, am Abend des ersten Anschlags spricht er den Franzosen Mut zu, Frankreich habe seine Feinde immer besiegt, wenn es sich um seine Werte versammelt habe. Alle Parteien, bis auf den Front National, schließen sich zur Union Nationale, zum Front Républicain zusammen. Nicolas Sarkozy, neuer Chef der UMP, trägt noch am selben Tag der Regierung Valls seine Unterstützung an: fast ein Wunder in einer von Feindschaft dominierten politischen Landschaft, in der es nur darum geht, den politischen Gegner zu demontieren. In dieser schwierigen Zeit schießt nur Marine Le Pen dazwischen – ihre Begriffe: Todesstrafe, Aussetzen des Schengen-Abkommens. Doch die Franzosen wollen in diesen Tagen keinen populistisches Buhlen um Wählergunst auf dem Rücken der 17 Toten und so dringt die medial präsente Le Pen kaum durch: Le Monde widmet dieser Idee kaum ein paar Zeilen. Zu hoffen bleibt, dass AfD und Pegida ebenfalls keinen Erfolg mit der Ausbeutung der Pariser Tragödie erleben. Wie man würdevoll für die Opfer von Terrorismus „spazieren geht“, das konnten sich die Pegida-Organisatoren, die genau dies am 12. Januar vorhaben, diesen Sonntag in Paris anschauen, als über eine Million Bürger, 50 Staats-und Regierungschefs im Namen der Freiheit beim marche républicain auf die Straße gingen. Wer diese Bilder gesehen hat, der weiß, warum Frankreich immer noch zu Recht als Grande Nation bezeichnet gehört. Französische Medien berichten von der größten Versammlung seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Frankreich will und wird sich nicht vor dem Terror beugen, wo immer auf der Welt der Terrorismus droht sich einzunisten – französische Präsidenten schickten ihre Streitkräfte um sie zu bekämpfen: Mali, ZAR, Irak. Dass Frankreich damit zu einem potentiellen Ziel wird, in einer Gesellschaft, die chronisch unter enormer Spannung leidet, war leider zu erwarten. Trotz Vorratsdatenspeicherung und weiterer geheimdienstlicher Maßnahmen. Toulouse im Jahr 2012, sowie mehrere antisemitische Verbrechen bewiesen, dies auf schlimmste Weise. Als die Marseillaise 1792 verfasst wurde, befand sich die junge französische Republik von allen Seiten bedrängt, doch der Verfasser wusste, dass es nicht Armeen sind, die Frankreichs Feinde besiegen, sondern Bürger, die sich wehren.

  „Aux armes citoyens, formez vos bataillons!“ (dt. zu den Waffen Bürger, formiert eure Bataillone)

Die Waffen sind heute Bleistifte und die Verfassung mit ihrem Geist, der größer ist als jede Angst, die zwangsläufig auf eine solche Tat folgt. Das größte Bataillon von Bürgern marschierte auf dem Place de la République und in jeder Gemeinde Frankreichs. Das Unwort dieser Tage war amalgame, also die Sorge, alle Muslime über einen Kamm zu scheren. Auch davon war nichts zu spüren, sondern nur von den drei fundamentalen Prinzipien unserer Nachbarnation.

LIBERTÉ – ÉGALITÉ – FRATERNITÉ

VIVE LA RÉPUBLIQUE, VIVE LA FRANCE!