26. Mai 2015

BLACK.blog-Standpunkt: Die traditionelle Ehe – die letzte konservative Bastion?!

Standpunkt von Markus Pingel, Vorsitzender der Lesben und Schwulen in der Union (LSU) Rheinland-Pfalz, über die Gleichstellungsdebatte und die Eheöffnung nach dem Volksentscheid in Irland.


Der Volksentscheid im erzkonservativen Irland hat die Diskussion über die Eheöffnung, und damit der vollen Gleichstellung Homosexueller, in einem Maße in den Vordergrund gerückt, wie nie zuvor. Die Rufe nach einem solchen Volksentscheid in Deutschland sind auch innerhalb der Unionsparteien laut geworden. Genauso laut sind die Stimmen für die Eheöffnung.

Gerade aus den konservativen Kreisen kam reflexartig der Ruf nach dem Schutz von Ehe und Familie, die Warnung vor der Aufgabe der letzten konservativen Bastion der Unionsparteien.

Ehe und Familie dürfen einem gesellschaftlichen „Trend“ nicht preisgegeben werden. Die Ehe muss als Bewahrer der Zukunft unseres Volkes erhalten bleiben, die Familie nicht der Beliebigkeit preisgegeben werden, das Kindeswohl nicht der persönlichen Verwirklichung von Menschen, die nur ihre eigenen Wünsche im Sinn haben, geopfert werden.

Genauso reflexartig kam der Ruf der LSBTI (Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transsexuellen, Transgender und Intersexuellen) Organisationen nach der längst überfälligen Gleichstellung und der Beendigung menschenunwürdiger Diskriminierung.

Was die Debatte von beiden Seiten vermissen lässt, ist allzu oft die Sachlichkeit. Warum eigentlich? Ganz einfach. Von beiden Seiten spielen Ängste, Misstrauen und Unverständnis mit. Dabei ist es im Grunde doch ganz simpel. Menschen haben den Wunsch nach Familie, nach Gemeinsamkeit, danach Liebe, Werte und Überzeugungen weitergeben zu können. Das ist der eigentliche Kern der Sache. Und darüber sollten wir uns unterhalten.

Das konservative Irland ist kein Einzelfall in der Entscheidung die dort getroffen wurde. Es ist aber das erste Mal, dass diese Entscheidung vom Volk direkt, in einem Volksentscheid getroffen wurde. Island, Finnland, Schweden, Norwegen, Dänemark, die Niederlande, sogar die erzkonservativen Slowenen, Spanier, Portugiesen und gar die Engländer haben diese Entscheidung schon viel früher getroffen.

David Cameron sagte: „Ich unterstütze gleichgeschlechtliche Ehe nicht obwohl, sondern WEIL ich ein Konservativer bin.“ Selbst die Queen meinte, als der englische Comedian Stephen Fry seinen Lebensgefährten Elliot Spencer heiratete (Februar 2015): „Nun wer hätte das vor 62 Jahren gedacht, als ich auf den Thron kam, dass ich so etwas unterzeichne. Ist es nicht wunderbar?“

Warum sind diese Konservativen so anders als unsere in Deutschland? Sind sie es wirklich? Nein, sind sie nicht! Wir Christdemokraten sehen die Ehe als Grundlage der Familie und die Familie als Hort für Geborgenheit, als Stütze unserer Gesellschaft, als Ort an dem Werte wie Fürsorge und gegenseitige Verantwortung gelebt und gelehrt werden. Auch Homosexuelle leben diese Werte, wollen diese Werte weitergeben, haben Familie als Vorbild gelebt bekommen und sehen sie als Fundament unserer Gesellschaft an.

Sicher nicht alle. Seehofer gibt es auch unter Schwulen und Lesben. Vielleicht sogar ein paar mehr, aber die wollen Familie nicht wirklich leben. Die konservativen und bürgerlichen Homosexuellen schon. Warum wollen wir Ihnen das verwehren?

Wir würden die Familie aufweichen, unterminieren, heißt es da. Aber warum? Weil noch mehr Ehe und Familie leben? Wir agieren gegen das Kindeswohl, heißt es weiter. Aber warum? Weil Menschen sich aus freiem Willen und voller Überzeugung um Kinder kümmern, sie großziehen, erziehen und ihnen den Wert der Familie vorleben wollen?

Die Familie steht unter besonderem Schutz des Grundgesetzes, ist ein Hauptargument. Das tut sie. Die Ehe auch. Aber mit keinem Wort wird im Grundgesetz definiert, dass Ehe aus Mann und Frau bestehen muss. Geht es in der Ehe nicht um das Versprechen ein Leben lang füreinander da zu sein? Geht es in der Familie nicht darum, ein Leben lang und über Generationen hinweg füreinander zu sorgen?

Und was das Grundgesetz betrifft, das hat das BVerfG bereits in der Begründung seines Urteils zur Gleichstellung der gleichgeschlechtlichen Partnerschaft (07. Juli 2009) unmissverständlich erklärt: „Geht die Privilegierung der Ehe mit einer Benachteiligung anderer Lebensformen einher…, rechtfertigt der bloße Verweis auf das Schutzgebot der Ehe gemäß Art. 6 Abs. 1 GG eine solche Differenzierung nicht.“

Natürlich würde die Öffnung der Ehe jede Diskussion um das Adoptionsrecht hinfällig machen. Und natürlich sind alle Bedenken bezüglich des Kindeswohls richtig. Doch gibt es längst ausreichend und aussagekräftige Studien die belegen, dass es Kindern, die bei gleichgeschlechtlichen Eltern aufwachsen, nicht schlechter ergeht. Im Gegenteil.

Es geht auch nicht darum Schwule oder Lesben zu bevorzugen. Es geht darum für Kinder eine Familie zu finden, in der sie am besten aufgehoben sind. Wenn wir Homosexuellen von vornherein absprechen Kindern das bieten zu können, weil die Vaterfigur oder die Mutterfigur fehlt, dann müssen wir konsequenter Weise allen Alleinerziehenden die Kinder wegnehmen, Patchwork-Familien verbieten; Elternteilen, die sich in einem heterosexuellen Familienleben geoutet haben und die Ehe deshalb getrennt wurde, die Kinder wegnehmen. Wäre das zum Wohl des Kindes? Sollen wir homosexuellen Pflegeeltern, die Kinder zugewiesen bekommen und aufgenommen haben, die aufgrund ihres Outings von ihren leiblichen Eltern verstoßen oder krankenhausreif geprügelt wurden, diese Kinder wieder wegnehmen? Wollen wir zulassen, dass Kinder vor dem Abschluss einer Sukzessivadoption in Gefahr geraten in ein Heim oder eine Pflegefamilie zu kommen, wenn der leibliche oder der zuerst adoptierende Elternteil stirbt? Was für ein Familienbild wäre das den bitte? Wäre das zum Kindeswohl?

Ja, es geht um den Wert der Familie! Der Wert der Familie ist aber nicht religiös, sondern familiär begründet. Es geht um Erziehung, um Wertevermittlung, um das Recht von Kindern in Geborgenheit und Liebe aufzuwachsen!

Ja, es geht um das Kindeswohl, darum, dass Kinder liebevolle, fürsorgliche Eltern bekommen, die ihnen Werte beibringen, die sie hüten, beschützen und erziehen. Wollen wir Menschen diese Fähigkeit absprechen, weil sie einen Menschen lieben, gleich welchen Geschlechts er ist.

Die einzigen sinnvollen Argumente wären, dass gleichgeschlechtliche Eltern generell im Verdacht sind Kinder zu Missbrauchen. Was sagt das über diejenigen aus, die das unterstellen? Oder dass gleichgeschlechtliche Eltern nicht in der Lage wären Familie zu leben und einen Hort der Sicherheit und Geborgenheit zu geben. Da müssten wir aber ganz vielen heterosexuellen Eltern die Kinder wegnehmen, die das tatsächlich nicht können.

Wenn wir ganz ehrlich sind, dann geht es hier doch wirklich nur um Vorurteile, die nach allen wissenschaftlichen Grundlagen nicht begründet sind. Oder es geht um die Angst, dass es weniger heterosexuelle Familien geben könnte, in denen Kinder geboren werden. Warum fällt mir bei einem solchen Argument der Lebensborn ein? Begeben wir uns wirklich auf solch ein Niveau?

Es wird mit der Eheöffnung nicht mehr Homosexuelle geben, denn man entscheidet sich nicht dazu homosexuell zu sein – wie dämlich wäre man auch in einer Welt voll von Steinbachs? Man ist so, man wird so geboren und das ist schwer genug, warum die Suizidrate unter homosexuellen Jugendlichen auch 4-7 Mal höher liegt, als unter gleichaltrigen heterosexuellen Jugendlichen.

Es wird keine Ehe mehr geschieden. Im Gegenteil, denn Homosexuelle müssten erst gar keine Scheinehe mehr eingehen, sich ein Leben lang verstecken und dann Suizid begehen.

10% der Menschen, gleich in welchem Land, gleich unter welcher Erziehung, gleich unter welchen Dogmen sind homosexuell. Daran wird sich nichts ändern, außer, dass unsere Welt vielleicht menschlicher wird, dem christlichen Menschenbild näher kommt.

Achso, das christliche Menschenbild. Ist nicht das oberste christliche Gebot das der Nächstenliebe? Soll nicht der, der frei von Sünde ist den ersten Stein werfen? Hat uns Jesus nicht gelehrt, dass nicht wir, sondern Gott richten soll? Darf ich all jene, die sich nicht an diese Worte halten, sondern für sich in Anspruch nehmen das alleinige Recht zu haben Gottes Worte recht zu interpretieren Pharisäer nennen? Kommt mir nicht mit christlichen Werten! Wer andern Menschen abspricht von Gott nach seinem Bilde und als geliebte Kinder Gottes geschaffen zu sein, der hat das Wort Gottes nicht verstanden!

Und zum Schluss, da das auch ein beliebtes Argument ist, die Annahme, dass Homosexuelle in unserer Gesellschaft nicht diskriminiert werden zeugt entweder von Unwissenheit oder von Ignoranz! Selbst in Multi-Kulti-Städten wie Köln, Essen, Mannheim, Ludwigshafen und vielen mehr, werden LSBTI (Erklärung siehe oben) in Cafés, Kneipen und Restaurants nicht bedient, werden sie öffentlich beschimpft und beleidigt (und niemand außen rum kümmert sich darum), werden sie tätlich angegriffen, werden sie Opfer von Ehrenmorden. Aber was wollen die Homos schon? Sie haben doch genug Rechte und damit geht es ihnen doch gut!

Nein, nicht so lange unterschwellig und offen gegen sie gehetzt wird, sie als weniger geschätzt werden als Heterosexuelle. Das schafft die Grundlage dafür, dass manche Teile unserer Bevölkerung denken, dass es vollkommen okay ist, wenn man Schwuchtel, Votzenleckerinnen und Transen anfeindet und angreift.

Alle, die dazu beitragen ein solches Klima in unserer Gesellschaft zu schaffen, sollten sich aber im Klaren darüber sein, dass sie mit dafür verantwortlich sind!

Darum, und weil es keine vernünftigen uns sachlichen Grunde dafür gibt, müssen wir uns jetzt und hier, nicht für Toleranz, sondern für Akzeptanz, für die volle Gleichstellung und damit auch für die Eheöffnung einsetzen. Wer das nicht tut, machst sich mitschuldig an jedem homophoben und transphoben Gewaltverbrechen!