30. September 2015

BLACK.blog-Standpunkt: Der Preis des Wegduckens – Was uns der Fall Kundus lehrt

Ein Standpunkt von Marc Philipp Janson aus Mainz. Aktuell studiert er Psychologie in Mannheim, ist stellvertretender Vorsitzender der Jungen Union in Mainz und Mitglied des Deutschlandrats.



Kundus ist für uns Deutsche Afghanistan

Vor wenigen Tagen haben die Taliban die Provinzhauptstadt Kundus im Norden von Afghanistan erobert. Kundus ist für viele in Deutschland das Symbol für den Afghanistaneinsatz der Bundeswehr. Den Einsatz, den der damalige SPD-Verteidigungsminister Struck beschrieb mit: „Unsere Sicherheit wird nicht nur, aber auch am Hindukusch verteidigt.“

Kundus ist nicht nur eine Provinzhauptstadt in der Region, für die die Bundeswehr im Rahmen der NATO-Mission die Zuständigkeit hatte, hier fielen die meisten der 53 getöteten Soldaten. Auch der Luftangriff auf einen Tanklaster hat die Gemüter in unserem Land erhitzt.

Wir haben die Chancen Afghanistans verspielt

Viel zu überstürzt kam der Abzug der westlichen Alliierten in Afghanistan. Hatte man doch vielerorts gerade erst damit begonnen, den Wiederaufbau und das „nation building“ voran zu treiben. Den „provincial reconstruction teams“, von denen es alleine fünf im deutschen Zuständigkeitsbereich gab, kam hierbei eine Schlüsselrolle zu. Von einigen zu Unrecht als „THW mit Waffen“ verspottet, hat die Bundeswehr genau das geleistet, was der US-General Peträus als Doktrin der „hearts and minds“ versucht hat zu etablieren: Die Herzen und den Verstand der Menschen für sich zu gewinnen. Den Wiederaufbau koordinieren, der Jugend einen Zugang zu Bildung geben und der Bevölkerung Hoffnung geben in einem Land, das vom Drogenanbau der Taliban abhängig war.

Unter dem Schutz der Bundeswehr konnten Mädchen zur Schule gehen, wurden Brunnen gebohrt und Brücken gebaut. All diese Errungenschaften wurden mit dem Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan aufs Spiel gesetzt. Nicht nur die Afghanen dürften sich im Stich gelassen fühlen, auch diejenigen, die in Afghanistan ihr Leben riskiert haben, dürfen sich zurecht fragen, wofür sie in Afghanistan gekämpft haben. Ebenfalls mag man sich nicht die Situation derjenigen Afghanen vorstellen, die sich auf die Seite des Westens gestellt haben.

Der Preis des Abzugs

Die europäische Gemeinschaft steht mit der aktuellen Flüchtlingskrise vor einer großen Herausforderung. Aber vor allem eines sollte uns zu denken geben: im Monat August kamen nach Zahlen des BAMF von ca. 33400 Flüchtlingen 2270 aus Afghanistan. Damit stellt das Land am Hindukusch die drittgrößte Herkunftsregion dar. Es braucht nicht viel, um zu erkennen, dass dieser Flüchtlingsstrom auch durch unseren Abzug in Afghanistan und das Wiedererstarken der Taliban verursacht wurde.

Zäune und Barrieren werden die Flüchtlinge nicht aufhalten, aber wie auch Joachim Gauck bei seiner Rede in Mainz feststellte „sind unsere Möglichkeiten endlich“. Unsere Möglichkeiten sind vor allem dann endlich, wenn wir nicht anfangen die Probleme da zu lösen, wo sie entstehen.

Verantwortung im Ausland wahrnehmen

Diejenigen, die heute die Asylpolitik der Bundesregierung am lautesten beklagen, sind auch diejenigen, die immer vehement den Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan gefordert haben. Linke und Rechte unterscheiden sich zwar in der Form der Kritik, aber zu einer ganzheitlichen Lösung ist keiner bereit. Wir werden weder alle Probleme dieser Welt dadurch lösen können, dass wir jeden aufnehmen, noch dass wir unsere Grenzen schließen. Unter diesen Gesichtspunkten gewinnt das eingangs erwähnte Struck-Zitat wieder an Aktualität. Denn es gilt weiterhin, dass wir die großen Herausforderungen unserer Zeit nicht nur in Deutschland werden lösen können.

Es bleibt zu hoffen, dass wir aus der aktuellen Situation lernen, Verantwortung auch im Ausland wahrzunehmen: Politisch, aber auch militärisch!